87jähriger Dachdecker wird in Rente geschickt

FRANKREICH, LYON. Der rüstige 87jährige Mann verlässt flink das Dach, klettert über das Gerüst eine lange Leiter herunter und kommt schweratmend auf uns zugelaufen. Seine Brille ist durch die Anstrengung etwas verrutscht, und er nimmt sie bei der Begrüßung ab. Etwas kurzsichtig lächelt er mich dann erwartungsvoll an.

Alfred Guerdon wirkt auf den ersten Blick nicht viel jünger, als er in Wirklichkeit ist, aber da er 28 Enkel und Urenkel hat - das 29. ist unterwegs -, bewahrte er sich eine verspielte, kindliche Art. Die ist aber wohl auch der Grund dafür, dass ihn sein Arbeitgeber entlassen hat. "Durch das verspielte Dachdecken hat er sich die Situation selbst eingebrockt", hatte uns sein Arbeitgeber vorher noch schriftlich mitgeteilt.

Mit 14 Jahren, im Jahr 1940, habe er die Volksschule verlassen und anschließend eine Lehre begonnen. Nach Beendigung der Lehrzeit sei er bis heute, als Dachdeckergeselle beschäftigt gewesen. Zwischenzeitlich habe er getan, was die meisten Franzosen seines Jahrgangs getan hätten: geheiratet nämlich. Dann wären die Kinder gekommen, und danach die Enkel und die Urenkel. 


Damit hätte das Dilemma eigentlich angefangen, meint er gedankenverloren und schiebt sich seine Brille wieder auf die Nase. Die Jugend wäre ja heute nicht mehr nur mit Süßigkeiten zufrieden zu stellen. Die Ansprüche wären eben gewaltig. Opa hier und Opa da. Sicher habe er aus Freude darüber, den Enkelkindern mal wieder einen Urlaub finanzieren, oder die Anzahlung für eine Eigentumswohnung bereitzustellen zu können - er brauche ja nicht mehr viel und seine Frau wäre auch mit wenig zufrieden - das Tänzeln auf den Dächern etwas übertrieben.


Seine Ausgelassenheit bei der Arbeit auf dem Dach käme außerdem daher, dass er seine Zukunft immer im rosigen Licht gesehen hätte. Feste Arbeitsstelle und gutes Einkommen: da wäre man gerne Opa.
Ja es stimmt, das eine oder andere Zipperlein hätte ihn schon gelegentlich heimgesucht, aber im großen und ganzen wäre er noch so flott wie die jungen Kollegen. Die Kündigung hätte ihn auf jeden Fall überrascht. Vielleicht würde er die vor dem Arbeitsgericht anfechten. Eventuell sei auch eine dicke Abfindung drin.


Wenn dem so wäre, wolle er mit seiner Frau noch etwas erleben. eine Wildwasserexpedition am Fuße des Annapurna in Nepal oder die Besteigung eines Siebentausenders. Und die Kreuzfahrt, von der seine Frau so schwärmt, habe er ihr für später im Aussicht gestellt - wenn sie älter sind.







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